Die vierte Wand durchbrechen: Wenn das Monster aus dem Buch dein Zimmer betritt

Ein Monster durchbricht die Wand, während ein Junge im Bett ein Buch liest

🕐 Lesezeit: 6-7 Minuten

📋 Worum geht es: Wie unsere Vorstellungskraft unsere Realität beeinflussten kann und was wir uns bewusst machen sollten, wenn wir Regisseur statt nur Akteur in unserem Leben sein wollen.

Kennst du das Gefühl? Du bist allein, es ist später Abend, du hast es dir auf dem Sofa gemütlich gemacht. Der Regen klopft sanft an die Scheiben, während du ein spannendes Buch liest und eine warme Tasse Tee genießt. Die Geschichte reißt dich mit, sie ist düster, unheimlich, aber du sitzt behütet in der warmen Wohnung.

Gebannt blätterst du eine weitere Seite um – und plötzlich spürst du eine Präsenz hinter dir. Mit absoluter Gewissheit weißt du: Du bist nicht mehr allein. Das Monster aus dem Buch starrt dich an. Du kannst es nicht sehen, aber das Prickeln im Nacken ist eine Warnung. Selbst nachdem du das Buch zugeklappt hast, fühlst du dich wie entrückt aus der Realität. Deine Umgebung sieht aus wie immer, doch etwas hat sich verändert. Der Schlaf kommt in dieser Nacht nur langsam. Dein Verstand mag es leugnen, aber tief in dir spürst du, dass eine Grenze überschritten wurde … und es wird nicht das letzte Mal sein.

Willkommen bei der Metalepse – oder einfacher gesagt: dem Durchbrechen der vierten Wand, dem Moment, wo Fiktion und Realität verschwimmen und Geschichten aufhören, harmlos zu sein.

Ein Begriff, den k(aum) einer versteht

Metalepse kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet "Übernahme" oder "Ergreifen". Ursprünglich war es ein Stilmittel der Rhetorik. In der modernen Literaturwissenschaft beschreibt die Metalepse das Überspringen von verschiedenen Erzählebenen. Das passiert, wenn eine fiktive Figur sich ihrer selbst gewahr wird und ihren gewohnten Handlungsrahmen verlässt, zum Beispiel, indem sie den Leser der Geschichte direkt adressiert.

Ein bekanntes modernes Beispiel ist die Figur des Deadpool in den Marvel-Verfilmungen. Mitten im Geschehen wendet sich Deadpool mit vorlauten Kommentaren direkt an die Zuschauer. Er erklärt, warum etwas passiert, oder beschwert sich darüber, wie schlecht der Plot gerade läuft.

Das ist der Moment, wenn die Geschichte in unsere Realität eindringt und eine Figur wirklicher wird, als sie scheint.

Und einige von uns fangen vielleicht an, sich zu fragen: Was, wenn wir selbst nur Figuren in einer größeren Erzählung sind?

Ab hier wird es ein wenig unheimlich. Wir begeben uns in die Meta-Ebene, den Bereich, wo Fiktion und Realität verschwimmen.

Wo ist die Grenze zwischen Fiktion und Realität?

Im Theater spricht man davon, die vierte Wand zu durchbrechen. Die Redewendung bezieht sich auf die unsichtbare vierte Wand einer Bühne – also die Grenze zwischen Schauspieler und Zuschauer. Sie kann aber auch in Büchern, Filmen und Serien vorkommen. Es ist die Grenze, die Fiktion von unserer Realität trennt. Genau hier setzt Metalepse an.

In Kunst und Literatur berühren sich die beiden Bereiche des öfteren. Aber steckt mehr dahinter, als wir glauben?

Vielleicht kennst du das Gefühl, nur ein Statist in deinem Leben zu sein, oder ein Schauspieler, aber das Skript nicht kennt. Du bist das Narrativ, während jemand anderer deine Geschichte – dein Leben – erzählt.

Die Vorstellung ist erschreckend. Aber sie kann auch befreiend sein, wenn wir lernen, zugleich Autor, Regisseur und Schauspieler in unserem Leben zu sein.

Die Psyche: Was in uns geschieht

C.G. Jung, Begründer der analytischen Psychologie, hatte ein tieferes Verständnis von der Wechselwirkung zischen der äußeren und inneren Welt als die meisten. Er sprach von der "aktiven Imagination", der Fähigkeit, bewusst mit den eigenen inneren Bildern zu interagieren – jener Ebene zwischen der physischen Außenwelt und dem Abstrakten, nicht Greifbaren in uns, wo Archetypen leben, Träume Form annehmen und Geschichten darauf warten, erzählt zu werden.

Fiktion und Realität existieren hier nicht getrennt voneinander.

Jung nannte es das Kollektive Unbewusste. Manche bezeichnen es als imaginable Welten – all das, was vorstellbar ist im Gegensatz zu dem, was wir uns einbilden. Diese Unterscheidung ist wichtig. Einbildung ist nicht gleichzusetzen mit Phantasie oder Vorstellungskraft. Hier geht es um unsere Vorstellungskraft.

Angenommen, wir erleben etwas scheinbar Unvorstellbares – eine Geisterbegegnung zum Beispiel. Viele Menschen tun das als "Einbildung" ab, einschließlich der gängigen Wissenschaft. Man nennt paranormal: ein Bereich, der nicht empirisch bewiesen werden kann, sondern individuell erlebt wird.

Alles, was wir uns vorstellen können, ist real.
— Pablo Picasso (zugeschrieben)

Das bringt es auf den Punkt. Das Vorstellbare besitzt eine greifbare Qualität. Auf der einen Seite erscheint es uns unwirklich, surreal. Doch manchmal tritt es auf unerwartete Weise in unser Leben. Wir nennen es dann ein Wunder. Oder, wenn es sich negativ anfühlt und wir es nicht rational erklären können, eine unheimliche Begegnung der dritten Art. Und – wenn wir es partout nicht akzeptieren wollen – Einbildung.

Keine Frage, Einbildung existiert. Sie wird jedoch von unserem Verstand erzeugt. Das können Dinge sein, die wir uns einreden, oder Sorgen und Gedanken, die uns quälen. Oft handelt es sich dabei um negative Glaubenssätze. ("Ich bin nicht gut genug." – "Das schaffe ich niemals." – "Das Vorstellungsgespräch geht bestimmt wieder schief.")

Du kennst das auch, nicht wahr?

Die Grenze zwischen Einbildung und Phantasie (dem Vorstellbaren) kann fließend sein. Nicht immer lassen sich die beiden einfach unterscheiden. Faustregel: Einbildung ist, wenn ich mir selbst etwas einrede (oder von anderen einreden lasse). Phantasie (Vorstellungskraft) ist, wenn ich einen mir unbekannten Bereich betrete und ihn mit Bildern fülle.

Ich nenne es Imagiya.

Ein weißer, mystischer Drache sitzt auf einem Felsen

Exkurs: Das Imagiya-Universum und andere Realitäten

Imagiya ist nicht zufällig der Name meines Buch-Universums. Schon das Wort Imagiya verbindet Magie mit Imagination. Es ist der Ort, wo Magie und Geschichtenerzählen verschmelzen. Hier existiert alles, was erdacht, vorgestellt oder gewünscht werden kann – und alles jenseits davon. Das geht weit über harmlose Märchenfiguren oder mythologische Götterwesen hinaus. Raum, Zeit, Endlichkeit – Beschränkungen dieser Art existieren dort nicht.

Es spiegelt zugleich mein Motto:

Glaube nicht alles. Aber glaube, dass alles möglich ist.
— Mairi Carlsson (Motto)

Das Zwielicht ist eine besondere Dimension von Imagiya, ein Bereich zwischen den Sphären, parallel zu unserer Welt, aber unsichtbar und feinstofflich. Es ist die Heimat der Geister, der dunklen Träume und Ängste, die zu Wesenheiten werden. Zugleich ist es aber auch der Bereich ungeahnter Möglichkeiten, die ins Licht der Realität (der stofflichen Welt) geholt werden können.

Für mich ist das Zwielicht die "vierte Wand", die dünne Grenze zwischen Realität und Fantasie – der Punkt, an dem Geschichten beginnen, uns heimzusuchen, wenn wir nicht aufpassen. Denn hier können sich die dunkelsten Ecken der menschlichen Psyche manifestieren: Ängste werden zum Alb, der dich des Nachts würgt. Begierden verwandeln sich in einen Succubus, der deine Lebenskraft aussaugt. Selbstzweifel nehmen die Gestalt von Schatten an, die dir flüstern, dass du ein Versager bist.

Hier kann selbst die Einbildung zum Nährstoff für das Vorstellbare werden – und damit real. Stell dir einmal vor (Achtung, Wortspiel!), es gäbe einen Moment, in dem diese Wesen stark genug werden, um die Grenze zu durchbrechen und aus einer Geschichte in deine Realität zu treten. Genau so entstehen Berichte, die einem Horrorfilm zu entstammen scheinen, paranormale Begegnungen oder Albträume, die uns selbst nach dem Aufwachen noch ängstigen. Dann ist das Monster aus dem Horrorfilm nicht mehr auf der Leinwand. Es steht in deinem Schlafzimmer.

Die Sagengestalt des Alp, die irische Banshee oder auch die mysteriösen Shadow People, zu denen es unzählige Berichte gibt, sind nachvollziehbare Beispiele dafür.

Die umgekehrte Wahrheit

Aber was ist, wenn wir es falsch herum verstehen?

Was, wenn nicht unsere Ängste zu Monstern werden – sondern Monster unsere Ängste erzeugen? Was, wenn die Wesen, die wir für Einbildung halten, uns nicht nur besuchen, sondern uns programmieren?

Joshua Cutchin, Autor und Forscher für paranormale Phänomene, nennt es "fictional incursions" – fiktionale Grenzüberschreitungen.

Seine These: Übernatürliche Wesen borgen sich Formen aus unserer Popkultur. Geister, UFOs, Urban Legends … sie nehmen die Gestalt an, die wir ihnen verliehen haben.

Vielleicht sind Stephen King und H.P. Lovecraft keine Erfinder, sondern Übersetzer. Übersetzer von etwas, das real existiert, das wir aber in seiner reinen, ursprünglichen Form nicht verstehen können.

An dieser Stelle müssen wir uns außerdem fragen: Woher wissen wir denn, dass wir nicht selbst die Erfindungen sind – in Interaktion mit dem, was wir für Fiktion halten?

Auf dieser Metaebene begegnen sich zwei unbekannte Variablen – "wir" und "das andere" – und geben sich gegenseitig Form.

Ein blau schimmernder geist liest ein Buch unter einem Baum

Die Gefahr des Erschaffens und das Durchbrechend er vierten Wand

Jeder Autor kennt es: Der Moment, in dem ein Charakter plötzlich eigenmächtig handelt. Wo du planst, dass er links abbiegt, aber er stur nach rechts marschiert. Wo du ihn sterben lassen willst, aber er sich weigert.

Die harmlose Erklärung: "Das Unterbewusstsein arbeitet."

Die andere Erklärung: Du hast einem Wesen, einer abstrakten Form aus einer und nicht bewusst zugänglichen Ebene, einen Namen gegeben. Einen Körper. Eine Geschichte. Und jetzt will es mit dir interagieren.

Metalepse, das Durchbrechen der vierten Wand, ist nicht nur ein literarisches Stilmittel. Es ist eine Beschwörung. Jedes Mal, wenn du eine Geschichte schreibst, ja, eine Geschichte liest, die zu real wird, öffnest du eine Tür. Und manchmal kommt etwas durch, das größer ist als deine Kontrolle.

Aber eine Beschwörung beinhaltet auch Macht. Denn nicht nur unsere "imaginierten" Geschichten entwickeln ein Eigenleben. Was wir manchmal vergessen: Wir selbst sind Geschichten. Fiktionen, Narrative, die wir uns selbst erzählen oder die andere uns einreden wollen. Wir glauben, nur innerhalb enger Grenzen Einfluss auf unser Leben zu haben. Sind wir mal ehrlich: Wie viele von uns leben ihr Leben selbstbestimmt? Und wie oft lebt das Leben uns?

Wenn wir uns der vierten Wand bewusst werden und erkennen, dass wir selbst nur eine Geschichte sind, dann können wir unsere eigene Geschichte neu schreiben. Oder würdest du sie lieber einem unbekannten Autor überlassen?

Aber wie das funktioniert, das ist eine andere Geschichte und soll, vielleicht, ein andermal, in einem anderen Blogartikel, erzählt werden.

Wir müssen das Unmögliche auswählen, um es Möglichkeit werden zu lassen.
— Mairi Carlsson, Zeitläufer: Der Verborgene Raum

Fazit

Ist dir bereits einmal etwas begegnet, das du dir nicht erklären kannst? Das kein Zufall war? Erscheinen dir deine Träume manchmal realer als dein Wachzustand? Lassen dir manche Geschichten keine Ruhe mehr? Oder hast du manchmal das Gefühl, einfach im falschen Film zu sein?

Dann hast du eine Form von Metalepse erlebt, das Durchbrechen der vierten Wand zwischen Fantasie und Realität. Du standest im Zwielicht, an der Grenze zu Imagiya, dem Universum, das in seiner Größe unvorstellbar ist, wo Gefahren lauern, aber auch alles möglich ist.

Bist du bereit, sie zu überschreiten?

PS: Wenn du beim Lesen das Gefühl hattest, beobachtet zu werden … das Zwielicht starrt immer zurück. 


Hinweis zu den Abbildungen: Die verwendeten Bilder sind mit KI erstellt (Midjourney AI), sofern am Bild nicht explizit anders gekennzeichnet.


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