Phänomen Zeit: Es ist relativ …
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Zeit ist linear – oder doch nicht?
In unserem modernen Alltag haben wir eine gute Vorstellung davon, was Zeit ist. Wir messen sie durch eine Einteilung in Stunden und Minuten, die einen Tag ergeben. Daran richten wir unsere Arbeit und unsere Pläne aus. Die Tage summieren sich zu weiteren Maßeinheiten wie Wochen, Monaten, Jahren. Wenn wir keine konkreten Zeitangaben machen, relativieren wir die Zeit zu einer linearen Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Alles ganz einfach, oder? Selbst unsere Sprache orientiert sich an einem linearen Zeitverständnis. Ich war, ich bin, ich werde sein. Geburt, Leben, Tod. Ein ewiges, unverrückbares Prinzip. Oder ist es doch komplizierter, als wir denken?
Sprache und Zeit
Wir sind derart gewohnt, auf die Uhr und in unseren Terminkalender zu blicken, dass wir uns kaum noch Gedanken über das Wesen der Zeit machen. Doch seltsamerweise schlägt unsere Sprache Kapriolen, wenn wir den Begriff "Zeit" definieren wollen. Wir stehen dem Phänomen sehr ambivalent gegenüber, auch wenn uns das oft gar nicht bewusst ist.
Hier ein kleiner Überblick, was die Zeit alles so macht – oder wir mit ihr:
Zeit rast oder fliegt. Sie kriecht. Sie rennt. Sie ist im Fluss. Sie vergeht zu schnell, zu langsam oder gar wie im Flug. Sie zerrinnt. Zeit heilt angeblich Wunden. Wir nehmen sie uns einfach. Wir können sie nicht vorspulen, aber auch nicht zurückdrehen. Wir versuchen sie einzuteilen – und manchmal vergessen wir sie sogar. Laut Einstein ist sie relativ. Sie hat sogar einen Plural.
WTF: Ein Hai, der Kolumbus kannte
Bevor wir tiefer einsteigen folgt ein kurzer Ausflug in die Tierwelt, denn hier wird es absurd.
Ein Grönlandhai kann 500 Jahre alt werden. Fünfhundert. Im Atlantik könnte heute ein Hai schwimmen, der die Segelschiffe des berüchtigten Freibeuters Francis Drake gekreuzt hat. Oder sogar noch die eines Christoph Kolumbus.
Macht er sich Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft? Ich tippe: nein. Er lebt im Moment.
Unsere Katzen und Hunde verbringen ihr ganzes Leben bei uns. Für sie sind wir unsterblich. Und der Grönlandhai hat die Geschichte von Generationen mehrfach kommen und gehen sehen – ohne Kalender, Uhr oder Terminplaner.
Zeit ist nicht universell. Sie hängt davon ab, wer sie wahrnimmt.
Zeitvorstellung im Alten Ägypten
Wir dürfen davon ausgehen, dass nicht nur die Erfindung der Uhr, sondern auch die Industrialisierung mit ihrem Fokus auf Effizienz unsere Vorstellung von Zeit geprägt hat. Völker und Kulturen, die in größerem Einklang mit der Natur leben als wir, verstehen Zeit ganz anders.
Ein besonders faszinierendes Beispiel ist das Alte Ägypten – und genau das war auch meine ursprüngliche Inspiration für diesen Artikel.
In meinem Roman Zeitläufer: Der Verborgene Raum erläutert der fiktive Ägyptologie-Professor Arthur Camus in einem Vortrag das Wesen der Zeit im Alten Ägypten:
"Für uns bildet die Zeit eine Linie, eine klar gegliederte, konstante Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Ägypter dagegen stellten sich die Zeit als ein vielfach geflochtenes Seil vor oder als einen Kreis, in Grabdarstellungen gerne symbolisiert durch eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt. Die Griechen nannten die Schlange später ›Ouroboros‹ – ›die ihren Schwanz Verzehrende‹. Diese Schlange stellt das totalitäre Prinzip einer kosmischen Zeit dar.
Die alten Ägypter benutzten zwei Worte – Neḥeḥ und Djet – um die Fülle der Zeit in ihrer Gänze zu erfassen. Neḥeḥ ist die Zeit der Veränderung, der Ablauf der Tage, Monate und Jahre in einer ewigen Wiederkehr. Ein Zyklus. Djet dagegen kennt keine Veränderung, keine Bewegung, sondern verkörpert die ewige Fortdauer eines vollendeten Prozesses – ewig während und unendlich."
Neḥeḥ und Djet werden gern mit "Zeit" und "Ewigkeit" übersetzt und mit zyklischer und linearer Zeit gleichgesetzt. Aber ganz so einfach ist es nicht. Bei Neḥeḥ handelt es sich eher um eine vergehende, zyklische Zeit, die dennoch vorwärtsschreitet. Djet dagegen ist eine immerwährende Zeit – oder Zeitlosigkeit – ohne Bewegung.
Für die zyklische Zeit stehen das Vergehen und Wiederkehren der Tage, Monate und Jahre, Aussaat und Ernte, Leben und Sterben. Für die immerwährende Zeit stehen die Pyramiden oder das Jenseits – beide gewissermaßen aus der Zeit entrückt.
Professor Camus fasst es so zusammen:
"Erst das Zusammenwirken einer sich wandelnden und einer vollendeten Zeit erschafft das, was wir als Wirklichkeit des Kosmos erfahren."
Und wir? Wir schieben das Sterben und den Tod in eine nicht fassbare, jedoch unvermeidbare Zukunft, während wir unseren Alltag an einer Uhr und einem Terminkalender ausrichten. Ist das nicht erschreckend?
(Kleiner Hinweis: Selbst unter Ägyptologen werden die beiden Zeitbegriffe unterschiedlich ausgelegt und übersetzt. Die Erklärung von Neḥeḥ und Djet habe ich von meinem damaligen Ägyptologie-Professor an der Uni – und die Figur des Arthur Camus hat sie von mir übernommen. Hier könnte ich also von einer zyklischen Anwendung von Wissen sprechen. ツ)
Zeit außerhalb unserer gewohnten Wahrnehmung – und in Imagiya
Mit dem Thema "Zeit" könnte man Bücher füllen. Mich hat es seit jeher fasziniert, darum spielt es auch in meinen Büchern eine große Rolle.
Im Imagiya-Universum, in dem meine Romane angesiedelt sind, existieren verschiedene Sphären und Dimensionen und in jeder davon verhält sich Zeit anders. Unsterbliche, die Jahrhunderte überdauern. Seelen, die in einer Zwischenwelt gefangen sind, ohne Anfang oder Ende. Dimensionen, in denen das, was wir als Vergangenheit betrachten, gleichzeitig mit der Gegenwart existiert. Das Fantasy- und Mystery-Genre ist prädestiniert, uns ein anderes Bild auf die Zeit zu ermöglichen – weil es uns zwingt, unsere gewohnten Annahmen loszulassen.
Zeit in der Quantenphysik
Die Quantenphysik hat uns ganz neue Vorstellungen der Zeit eröffnet – und diese decken sich zum großen Teil mit spirituellen Vorstellungen, wie sie auch in fernöstlichen Lehren wie dem Hinduismus tradiert werden.
Vereinfacht gesagt: In der Quantenphysik gibt es keine Zeit. Alles ist jetzt, alles ist gleichzeitig.
Eine zentrale Idee ist das Superpositionsprinzip: Ein quantenmechanisches System kann sich in einer gleichzeitigen Kombination verschiedener Zustände befinden – erst durch Beobachtung "kollabiert" es in einen einzigen, messbaren Zustand.
Das bekannteste Beispiel dafür ist Schrödingers Katze: Eine Katze ist in einem geschlossenen Kasten gefangen, zusammen mit einer giftigen Substanz, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit automatisch freigesetzt wird. Solange wir nicht nachsehen, befindet sich die Katze theoretisch in einem Überlagerungszustand – gleichzeitig lebendig und tot. Erst unsere Beobachtung entscheidet, welcher Zustand eingetreten ist. (Zum Glück handelt es sich für die arme Katze nur um ein Gedankenexperiment.)
Übertragen auf die Zeit bedeutet das: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind möglicherweise nur verschiedene, sich überlagernde Zustände. Erst unsere Beobachtung versetzt sie in einen konkreten Zustand.
Phänomen "Zeit": Messen ist nicht gleich begreifen
Sobald wir genauer hinsehen, was Zeit wirklich ist, stehen wir vor einem Rätsel. Was ist die Gegenwart? Ist sie der heutige Tag? Das Jahr? Oder ist sie der aktuelle Moment, der bereits wieder vorbei ist, sobald wir den Gedanken daran gedacht haben?
Atomuhren messen die Zeit anhand der Schwingungsfrequenz von Atomen – äußerst präzise, bis in den Nanosekundenbereich. Die kleinste mathematisch beschreibbare Zeiteinheit in der Physik ist die Planck-Zeit, benannt nach Max Planck (1858–1947), basierend auf fundamentalen Naturkonstanten wie der Gravitationskonstante und der Lichtgeschwindigkeit.
Aber Messen ist nicht Verstehen. Wir können Zeit in immer kleinere Einheiten zerlegen. Aber das ändert nichts daran, dass wir nicht wirklich wissen, was sie ist.
Fazit: Was ist Zeit?
Diese Frage wird wohl niemand eindeutig beantworten können. Zeit hängt von unserer kulturellen Prägung, unseren Erfahrungen und unserer Wahrnehmung ab. Wir können sie objektiv messen. Wir können sie wahrnehmen. Aber können wir sie verstehen?
Ich persönlich halte Zeit für ein Konstrukt, das uns erlaubt, uns in unserer dreidimensionalen Realität zu bewegen und miteinander zu interagieren. Der physische Teil unseres Daseins ist ihr unterworfen – das übergeordnete Bewusstsein, der immaterielle Teil von uns, jedoch nicht. Er existiert unabhängig von unserer vergänglichen Existenz innerhalb der Materie.
Für jemanden, der glaubt, dass Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird, ist diese Erklärung vermutlich schwer nachzuvollziehen. Dabei zeigt uns gerade die Quantenphysik, dass erst unsere Beobachtung eine bestimmte Art von Realität erzeugt – und nicht umgekehrt. Aber das ist ein Thema für einen eigenen Beitrag.
Zeit ist eines der faszinierendsten Phänomene unserer Zeit (pun intended). Wir nehmen sie als selbstverständlich, können sie jedoch nicht erklären.
Was also ist Zeit? Ich weiß es nicht.
Die Zeit wird es zeigen.
Vielleicht.
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Hinweis zu den Abbildungen: Die verwendeten Bilder sind mit KI erstellt (Midjourney AI), sofern am Bild nicht explizit anders gekennzeichnet.
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